Archiv vom Mai, 2009
Aktuelle Studie zur Verweildauer im Pflegeberuf
Eine vom rheinland-pfälzischem Ministerium in Auftrag gegebene Studie vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Martin-Luther Universität in Halle bringt, so der Newsletter des DBfK, überraschende Ergebnisse mit sich. Die Verweildauer der Pflegenden in ihrem Beruf liegt deutlich höher, als bisher angenommen.
Die Datenerhebung erfolgte durch pseudonymisierten Krankenkassendaten von über 42.000 Pflegekräften zwischen 1990 und 2005. Ergebnis u.a. :
- Von den 20 bis 24 Jahrigen, die erstmals voll- oder teilzeitbeschäftigt in Pflegeberufen beschäftigt wurden, waren zehn Jahre später noch über 70 % in ihrem Beruf.
- Von BerufseinsteigerInnen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren sind in der Krankenpflege nach 10 Jahren noch um die 80 % beschäftigt.
Das Material (unklar, ob Broschüre oder gesamte Publikation) kann hier bestellt werden.
Geplante Absenkung des Bildungsniveaus in der Pflege
Am 6.5. wurde im Gesundheitssausschuß des Bundestages über die Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften verhandelt und ein Punkt der Tagesordnung bereitete mir schon seit Tagen Kopfzerbrechen. Geplant war/ist eine Absenkung der Mindestqualifikation für die Ausbildung in den Pflegeberufen seitens Teilen der CDU/SPD. Im Hinblick auf den demografischen Wandel sei davon auszugehen, daß es einen Mehrbedarf an Pfelegekräften gebe. Hauptschülern soll so der Zugang zur Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege ermöglicht werden.
In dem Sitzungsbericht wird folgendermaßen zusammengefaßt:
Mehrere Sachverständige wandten sich gegen eine generelle Öffnung der Krankenhauspfleger-Ausbildung für Hauptschulabsolventen. Bei einer Absenkung des Bildungsniveaus in den Pflegeberufen drohe eine Gefährdung der Patientensicherheit und der Qualität der Versorgung, warnte Franz Wagner vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe.
Warum eine Absenkung der Zugangsvorraussetzung so problematisch ist, mag nicht jedem Leser sofort einleuchten. Dazu seien die Stellungnahmen des DBfK, des Deutschen Pflegerates und der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft und der Dekanekonferenz Pflegewissenschaft empfohlen. Verwunderlich ist, daß die Änderung durch ein Gesetz erfolgen soll, daß eigentlich keinen Bezug zur Sache hat und das Thema zuvor nicht in den Fachausschüssen beraten wurde. Diese Vorgehensweise erhält dadurch einen faden Beigeschmack und könnte unschöne Absichten vermuten lassen.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die unterschiedliche Auffassung auf gewerkschaftlicher Seite.
Der DGB begrüßt die Änderung des Krankenpflegegesetzes, die ge-
eignet sind, weitere Kreise von Schulabsolventinnen und –
absolventen für diese Ausbildungen zu gewinnen. Es ist jedoch zu
gewährleisten, dass die Anerkennungsvorausetzungen innerhalb der
EU weiterhin erfüllt sind.
Während Gerd Dielmann (Ver.di) ursächlich die unaktraktiven Arbeitsbedingungen für den Fachkräftemangel verantwortlich machte und mahnte, daß dieses Problem nicht durch eine Absenkung des Bildungsniveaus behoben werden könne. Zudem sei diese Regelung nicht EU-konform.
Eine Übersicht der Ausbildung in der Pflege aus dem Jahr 2004 zeigt übrigens, daß die deutschsprachigen Länder innerhalb der EU ohnehin schon aus dem Rahmen fallen. Es wäre mehr als bedauerlich, wenn weitere Schritte zurück statt nach vorn, im Sinne von Professionalissierung, Qualitätsverbesserung für die Patienten- und Bewohner und Attraktivitätsgewinn für den Beruf, erfolgen. Dennoch ist zu befürchten, daß wirtschaftliche Gesichtspunkte im Vordergrund stehen und vermeintliche Kostenfallen umschifft werden sollen.
Insgesamt paßt dieses Vorgehen nicht zu der geplanten Kompetenzerweiterung in der Pflege, die schließlich dafür sorgen kann, daß das Gesundheitswesen trotz demografischem Wandel und Ärztemangel auf gutem Niveau und unter günstigen ökonomischen Aspekten weiterexistieren kann. Dem steht jedoch gegenüber, daß wir heute schon einen Mangel an qualifizierten Bewerbern haben, wohlgemerkt bei ausreichender Bewerberzahl.
Pressespiegel:
Ärzteblatt
Der Westen
Der Tagesspiegel
Update 21.06.09
In einer Stellungnahme kritisiert der DBfK die Pflegebildungspolitik der Regierung:
Gegen die Bedenken der Pflegeberufsverbände und der großen Mehrzahl der Pflegenden und gegen die Stimmen der Oppositionsparteien hat die Regierung eine Gesetzesänderung durchgesetzt, die zukünftig den Zugang zur Ausbildung in den Pflegeberufen nach 10 Jahren allgemeinbildender Schule ermöglicht. ‚Hier wird eine kurzsichtige und in der Konsequenz wirkungslos bleibende Veränderung in einem Detail der Ausbildungsgesetze vorgenommen, nachdem die Politik jahrelang tatenlos zugesehen hat, wie Ausbildungskapazitäten und –qualität verloren gehen’, sagt Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Die Probleme der Ausbildung hätten in erster Linie mit Strukturdefiziten und der fehlenden Attraktivität wegen schlechter Arbeitsbedingungen zu tun, so Wagner weiter. …
Änderungsantrag der CDU/CSU und SPD zum Gesetzentwurf der Bundesregierung (BT-Drs. 16/12256) zu Artikel 12a Änderung des Krankenpflegegesetz
Tradition
Tradition bedeutet nicht, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzugeben.
(G. Mahler) via Instant Messenger
Was ist professionelle Pflege?
Nachdem die Klärung der Frage “Was ist Pflege” und die Suche nach einem einheitlichen Pflegebegriff noch immer nicht ganz abgeschlossen scheint, schließt sich auch oft die Frage “Was ist professionelle Pflege” an, was unterscheidet sie z.B. von der Laienpflege.
Dr. Hildegard Entzian knüpfte diese Eigenschaft recht treffend an 5 Aspekte:
Professionelle Pflege zeichnet sich aus durch:
- eine stellvertretende Deutung der Pflegesituation
- die Kombination aus wissenschaftlichen und verstehenden Kompetenzen
- den professioneller Habitus
- Achtung und Schutz der Autonomie und der Erhalt größtmöglicher Selbstbestimmung
- Regeln des Verhaltens im Umgang mit der Privatsphäre und beruflichen Nähe/Distanz
Verschiedene Auffassungen von Gesundheit
Im Allgemeinen beschäftigen sich viele Menschen mit ihrer Gesundheit, sobald sie krank sind. Zwar mag die These in den letzten Jahren ins Wanken geraten sein, denn im Zuge einer besseren Aufklärung und eines wachsenden Bewußtseins hat der Wunsch, sich fit (gesund "und schön") zu halten bei den meisten Menschen Einzug gefunden. Nichts desto trotz heißt immer noch ein sehr häufig gelebtes Konzept "Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit". Besonders stark wird diese Auffassung übrigens von den unteren sozialen Schichten vertreten, was bestehende Probleme verstärkt.
Denn der Knackpunkt ist: Direkt verbunden mit einer bestimmten Auffassung von Gesundheit ist das Gesundheitsverhalten eines jeden einzelnen. Es kann besonders stark bis pathologisch ausgeprägt oder gar nicht vorhanden sein – in jedem Fall beeinflußt es das eigene Leben enorm und in diesem Moment ist es eigentlich müßig, dafür zu werben, ein paar Gedanken dazu zu investieren – es lohnt sich.
Beispielhaft seihen hier zunächst einige sehr populäre Auffassungen/ Konzepte zur "Gesundheit" vorgestellt:
Mens sana in copore sano – Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Antike
Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen. WHO
Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können. S.Freud
Gesundheit ist das geordnete Zusammenspiel normaler Funktionsabläufe und des normalen Stoffwechsels. Schulmedizin
Gesundheit ist ein Weg, der sich bildet, indem man ihn geht. Schipperges, Medzinhistoriker
Gesundheit kann definiert werden als der Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist. Parsons, Soziologe
Gesundheit heißt, man muß sich wohlfühlen, sich frei bewegen können, guten Appetit haben, normal in seinen Funktionen sein und daher keinen Arzt aufsuchen müssen. Gandhi
Hier werden bereits verschiedene Nuancen deutlich und man kann erahnen, was die jeweilige Auffassung von der Gesundheit mit dem Menschen macht, wie sie ihn in seinem Leben und seinen Zielen beeinflußt. Herkunft, Erziehung, Geschichte und Bildung führen zu sehr unterschiedlichen subjektiven Gesundheitskonzepten. Die Prozentangaben der vier häufigsten veranschaulichen die Verbereitung in der Bevölkerung und beruhen auf nicht repräsentativen Umfragen von FALTERMEIER (1994) und CLAUDINE HERZLICH (1973):
1. Gesundheit als Gleichgewicht oder Wohlbefinden (ca. 42%)
2. Gesundheit als Vakuum – Abwesenheit von Krankheit (ca. 37%)
3. Gesundheit als funktionale Leistungsfähigkeit (ca. 30%)
4. Gesundheit als Reservoir an Energie (ca. 28%)
So annehmbar sie zum Teil vielleicht erscheinen, bergen sie jedoch gewisse Gefahren in sich. Sie sind jeweils sehr einseitig und nicht immer in der Lage, den Anforderungen des Lebens standzuhalten. Ist das der Fall, kommt es zu einer tiefen Krise. Auch die wissenschaftlichen Definitionen (z.B. Parsons) scheinen aus ihrem monodisziplinären Blickwinkel das komplexe Thema nicht ausreichend beleuchten zu können. Da erscheint mir eine die Beschreibung des Begriffs von Prof. Annelie Keil, Bremen viel umfassender und praktikabler zu sein:
So wie Ebbe und Flut am Rande des Meeres eine Linie zeichnen, so sind Gesundheit und Krankheit Übergänge und Gradunterschiede, Arten des Daseins, die immer wieder neu und gestaltend-verändernd unseren Lebenslauf durchziehen. Gesundheit und Krankheit sind Ausdruck von Lebensbewegungen. Sie beschreiben den Zustand eines Lebens. Sie sind, wie Vorder- und Rückseite einer Medaille, stets miteinander verbunden und nicht als Gegensätze voneinander getrennt. Gesundheit ist nicht, sie wird. Sie kommt und geht.
Das nehme ich gerne mit, denn aus meiner Arbeit mit Gesunden und Kranken weiß ich, daß diese Einstellung in guten wie in schlechten Zeiten geeignet ist, eine gewisse Festigkeit sich selbst und den nächsten Angehörigen gegenüber zu behalten – da schwingt sehr viel Lebenserfahrung mit.
Link: A. Keil Über die Inszenierung des Lebens in der Krankheit
